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LITERATUR
BIBLIOGRAPHIE
Besprechung; Orell Füssli Repetitorien Verwaltungsrecht (Häner/
Töndury-Albrecht/Keusen/Lanz Kneissler, 4. Auflage) und Öffent-
liches Wirtschaftsrecht (Trümpler/de Weck, 1. Auflage)
Vor einigen Monaten sind im Verlag Orell Füssli zwei neue Repetitorien im
öffentlichen Recht erschienen, die, so heisst es auf der Website des Verlags,
eine «Wiederholung und Vertiefung» bereits bekannter Inhalte ermöglichen
sollen. Das Repetitorium Verwaltungsrecht erscheint in der 4. Auflage, ver-
fasst wurde es von Prof. Isabelle Häner und drei Anwältinnen. Dr. Ralph
Trümpler und Dr. Fanny de Weck publizieren in Erstauflage zum öffentlichen
Wirtschaftsverwaltungsrecht. Beide Werke sind sorgfältig durchdacht, hilf-
reich aufgebaut und erscheinen als Teil der Repetitorienreihe des Verlags in
einheitlichem Format. Sie richten sich in erster Linie an Prüfungskandidaten
und Praktikerinnen, die sich einen raschen Überblick über das behandelte
Rechtsgebiet machen möchten Dies gelingt, soviel sei schon anfangs verra-
ten, beiden Werken mühelos.
Die Repetitorien wollen nicht nur Lernhilfe, sondern auch Analysewerk-
zeug sein: Erklärtes Ziel ist es, dem Leser rasch einen differenzierten Ein-
druck über den eigenen Wissensstand zu vermitteln und sogleich, unter Ver-
weisaufdieFachliteratur,einenWegaufzuzeigen,wieallfälligeWissenslücken
geschlossen werden können. Erreicht wird dies durch eine nachvollziehbare
Strukturierung und eine breit angelegte, übersichtliche Aufarbeitung der
Rechtsgebiete. Oft wird so schon auf Anhieb erkennbar, in welchen Berei-
chen eine Vertiefung der eigenen Kenntnisse angezeigt ist.
Die Gestaltung der beiden Übungswerke erleichtert es zusätzlich, umge-
hend in die Materie einzusteigen. Werden die Repetitorien Seite für Seite
abgearbeitet, geleiten uns die Autoren sorgfältig, einem logischen Aufbau
folgend, durch Themen und Problemstellungen. Es genügt ein Blick in das
entsprechende Unterkapitel, um eine konkrete Frage zu beantworten – auch
wenn in den meisten Fällen, wenn keine zusätzliche Fachliteratur hinzugezo-
gen wird, die Antwort häufig eine vorläufige und in der Tendenz oberflächli-
che bleiben muss.

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Die grösste Herausforderung für Repetitorien ist die Kunst, einen Gegen-
stand anschaulich und schlüssig darzustellen und sich dabei auf das Wesent-
liche zu konzentrieren, ohne wichtige Reflektionen zu vernachlässigen. Hier
stellt sich das wohl unüberwindbare Dilemma, dass die prägnanten Darstel-
lungen, die das Repetieren erleichtern sollen, dann am wirksamsten sind,
wenn während der Erarbeitung der Materie die notwendigen, darüber hinaus
gehenden Überlegungen stattfinden. Damit solche Reflektionen bei einem be-
stimmten Stichwort ablaufen können, sind in vielen Fällen jedoch vertiefte
Vorkenntnisse notwendig, deren Erarbeitung häufig ja gerade auch Sinn und
Zweck der Arbeit mit Repetitorien ist. Selbstverständlich kann Übungslitera-
tur auch ohne breites Vorwissen dem Verständnis dienen; es soll sogar vorge-
kommen sein, dass Prüfungen mit einer ausschliesslich aus Repetitorien be-
stehenden Vorbereitung bestanden worden sind. Zu empfehlen ist es jedoch
nicht, sich bei der Erarbeitung eines Rechtsgebietes nur auf ein Repetitorium
zu stützen. Gerade die Leistung, die als Examenskandidatin erbracht werden
muss, indem bei der Repetition das bereits erworbene Wissen abgerufen wird,
ist für ein nachhaltiges Verständnis unabdingbar und nur dann zu bewältigen,
wenn die grundlegenden Inhalte bereits verinnerlicht wurden. Ein elementa-
rer Teil des üblichen Lernprozesses, nämlich das Filtern und Einordnen von
Wissen, wird von den Verfasserinnen der Repetitorien übernommen. Umso
wichtiger ist es, dass der Leser um die Grenzen dieses Lerninstruments weiss.
Erfreulich ist, dass beide Übungswerke im Bewusstsein um diese Problema-
tik verfasst worden zu sein scheinen und sich fallbezogen, mit wissenschaft-
lichem Anspruch, aber dennoch praxisnah ihrer Materie annähern. So finden
sich zahlreiche Verweise auf einschlägige Bundesgerichtsentscheide, Fachli-
teratur, aktuelle Entwicklungen und Kontroversen in der Lehre. Komplexitä-
ten werden, soweit als möglich, ohne unnötige Verkürzungen dargestellt. So
wird beispielsweise die Nutzung öffentlicher Sachen mitsamt Bewilligungs-
pflicht im Verwaltungsrechtsrepetitorium adäquat vermittelt, ohne sich dabei
in Details zu verlieren.
Nach den Grundvoraussetzungen der jeweiligen Rechtsgebiete wird hin-
gegen kaum gefragt. So wird dem Konzept des New Public Management
zwar eine ganze Seite des Repetitoriums zum Verwaltungsrecht gewidmet;
und obwohl sogar eine Vor- und Nachteilsliste Teil dieses Kleinstkapitels ist,
erfolgt kein Hinweis auf die durchaus kritische Rezeption in der Literatur.
Das Repetitorium zum Wirtschaftsverwaltungsrecht erläutert immerhin eini-
ge Hintergründe zu Wirtschafts- und Staatsverständnis und ihrer Interdepen-

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denz; auch hier fehlen jedoch Verweise auf Grundlagenliteratur weitgehend.
Vorzuwerfen ist dies den Verfassern nicht, verzichten doch auch herkömmli-
che Lehrbücher häufig auf solche Ausführungen. Das Literaturverzeichnis
beider Publikationen ist denn auch kurz und übersichtlich gehalten, was den
Zweck der Repetitorien erfüllt. Beiden scheint es zudem einAnliegen zu sein,
nicht über Gebühr zu vereinfachen und doch leicht zugänglich zu bleiben:
Das Repetitorium zum Wirtschaftsverwaltungsrecht zeichnet sich insbe­
sondere durch die sparsam und überlegt eingesetzten Hinweise auf rechts­
politische Entwicklungen aus. Die Erläuterungen zur Idee des Binnenmarkts
beispielsweise dienen dem Verständnis ungemein und schaden der Übersicht-
lichkeit keineswegs. Grafiken, Schemata und Überblicksboxen werden bei
beiden Werken gewinnbringend eingesetzt. Ebenfalls eine grosse Hilfe sind
die Querverweise zwischen den Kapiteln, die für die gedankliche Verknüp-
fung der einzelnen Gebiete förderlich wirken. Viel Wert wird auch auf präzise
Begrifflichkeiten gelegt, was dem Lerneffekt zugutekommt: Illustratives Bei-
spiel ist die Abgrenzung der Bezeichnungen «unternehmerische Tätigkeit des
Staates» vom Begriff des «öffentlichen Unternehmens» auf den Seiten 129 f.
des Repetitoriums zum öffentlichen Wirtschaftsrecht.
Hier gilt es auch die zahlreichen Übungsfragen und -fälle zu erwähnen,
die beide Werke vervollständigen. Sie folgen jeweils am Ende eines Kapitels
und orientieren sich am bisher vermittelten Stoff. Die Fragen verlangen soli-
de Kenntnisse der Materie und, an vielen Stellen, eine darüber hinausgehen-
de, selbständige Reflektion. Anhand der ausführlichen Lösungen lässt sich so
leicht überprüfen, wo eine erneute Lektüre des Kapitels oder eine Vertiefung
mittels Entscheiden und Fachliteratur notwendig erscheint. So verlangt die
allererste Repetitionsaufgabe zum Verwaltungsrecht die Einordnung von Bei-
spielen staatlichen Handelns in verwaltungsrechtliche Kategorien und fragt
damit zielgerichtet das Grundverständnis des Rechtsgebiets ab. In den Übun-
gen werden vereinzelt auch Feinheiten etwas genauer erläutert, die vorher, im
eigentlichen Kapitel, nur grob skizziert wurden. So wird im 4. Teil des Ver-
waltungsrechtsrepetitoriums auf S. 85 beispielsweise die Möglichkeit einer
aufsichtsrechtlichen Anzeige erwähnt; warum diese jedoch mit dem Erlass
von Art. 25a des Verwaltungsverfahrensgesetzes an Bedeutung verloren hat,
wird erst in der Lösung zur Übung Nr. 16 ausgeführt. Obwohl dies auf den
ersten Blick einleuchtet, fragt sich, ob es einer effektiven Verwendung der
Repetitorien nicht zuträglicher gewesen wäre, die theoretischen Grundlagen
inklusive Einzelheiten vollständig in den jeweiligen Kapiteln aufzuführen.

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Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es den Autoren beider Repe-
titorien gelungen ist, ein äusserst taugliches Werkzeug für die rechtswissen-
schaftliche Lehre und die juristische Praxis zu verfassen. Ebenfalls sind die
beiden Publikationen als effiziente Nachschlagewerke verwendbar, sofern ein
vertieftes Grundverständnis der Materie bei der Anwenderin bereits vorhan-
den ist. Für Examensvorbereitungen sind sie wohl dann nützlich, wenn der
Stoff in den Grundzügen bekannt ist und nur wieder aufgefrischt werden soll.
Insbesondere für die Vorbereitung der Anwaltsprüfungen dürften beide Repe-
titorien uneingeschränkt zu empfehlen sein.
Manuela Hugentobler, MLaw, Assistentin am Institut für öffentliches Recht
der Universität Bern